
Erfahrungen zum Erleben
Veröffentlicht am 20.08.2026

Im Mai befinden sich die Alpes Vaudoises noch in einer Übergangsphase: In einigen Ferienorten hält sich der Winter hartnäckig, während andernorts der Frühling bereits Einzug gehalten hat. Das wechselhafte, noch unbeständige Wetter kann dabei für so manche Überraschung sorgen. Das durfte Pauline Carminati gleich zu Beginn ihres Abenteuers selbst erleben: Am Auffahrtswochenende stellte sie sich der Herausforderung, die gesamte Region aus eigener Kraft zu umrunden – mit ihrem ganzen Gepäck im Rucksack. In einer Landschaft mit unzähligen Facetten und abwechslungsreichen Stimmungen erzählt sie uns, wie sie dank ihrer Leitmotive – Anpassungsfähigkeit, Abwechslung und die Entdeckung kleiner Waadtländer Paradiese – die SchweizMobil-Route Nr. 46 in fünf Trailrunning-Tagen bewältigte.
In den Tagen vor meinem Abenteuer ahnte ich angesichts der Wettervorhersage bereits, dass diese Herausforderung noch anspruchsvoller werden würde als erwartet. Trotzdem stieg ich mit einer grossen Portion Begeisterung und voller Motivation, mich dieser Herausforderung zu stellen, in Lutry in den Zug Richtung Aigle.
An diesem Morgen liegt der erste Abschnitt der Route zwischen Aigle und Leysin vollständig in den Wolken. Deshalb entscheide ich mich, mit dem TPC-Zug bis nach Leysin zu fahren und geniesse unterwegs – zumindest zeitweise – den beeindruckenden Tiefblick auf das Château d’Aigle. Bei meiner Ankunft erwartet mich eine winterliche Kulisse: nur wenige Grad über null … und Schnee!
Danach geht es im Laufschritt weiter in Richtung Col des Mosses! Trotz der Bedingungen schaffen es einige Sonnenstrahlen, den Nebel zu durchbrechen. Sie schenken mir etwas Wärme und kurze Ausblicke auf die Tour de Famelon und Le Moëllé. Jede Aufhellung fühlt sich wie eine echte Belohnung an, während Kilometer um Kilometer unter meinen Füssen vorbeizieht.
Nach dieser ersten, emotionsreichen Etappe ist es Zeit für den wohlverdienten Komfort: eine heisse Dusche, eine stärkende Mahlzeit und eine erholsame Nacht im Hôtel Le Relais Alpin am Col des Mosses. Morgen geht das Abenteuer weiter.
Meine schönste Erinnerung an diesen ersten Tag ist zweifellos die Strecke rund um Larzey, mit den Füssen in mehr als zehn Zentimetern Schnee. Die Aussicht blieb wegen des Nebels zwar weitgehend verborgen, doch gerade diese wilde, winterliche Atmosphäre machte das Erlebnis noch unvergesslicher. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen!
PPauline Carminati
Mütze auf – es ist Zeit zum Skifahren … im Schlamm!
An diesem Freitagmorgen wache ich erneut bei Schneefall und dichtem Nebel auf. Nach einem ausgiebigen Frühstück schnüre ich meine Trailrunning-Schuhe mit nur einem Ziel: Château-d’Œx aus eigener Kraft zu erreichen … mit meinen Beinen und meiner Willenskraft.
Schon nach den ersten Kilometern entfaltet die Landschaft ihren Zauber. Trotz des schlammigen Bodens ist die Umgebung still und geheimnisvoll und schafft eine fast unwirkliche Atmosphäre. Als ich La Lécherette durchquere, fühle ich mich sogar nach Kanada versetzt, so wild und friedlich ist die Landschaft.
Unterwegs wartet eine wunderschöne Überraschung auf mich: blühende Narzissen. Die Begegnung mit diesen symbolträchtigen Blumen wärmt mir das Herz und bringt einen Hauch von Leichtigkeit in diesen grauen Tag. Etwas weiter, bei Les Trembleys, bilden die blühenden Wiesen ein spektakuläres Bild, das einen eindrucksvollen Kontrast zum wolkenverhangenen Himmel schafft.
Bei meiner Ankunft in Château-d’Œx gönne ich mir eine wohlverdiente Pause bei einer grosszügigen Gemüse-Quiche. Nun ist auch der Moment gekommen, eine wichtige Entscheidung zu treffen: Die Etappe am nächsten Tag führt über noch weitgehend schneebedeckte Gipfel, und die Bedingungen versprechen besonders anspruchsvoll zu werden. Anstatt unnötige Risiken einzugehen, passe ich meine Route an und entscheide mich, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Les Diablerets zu fahren: zuerst mit dem Bus nach Le Sépey und anschliessend mit dem Zug.
Nach vier Monaten, die ich im vergangenen Jahr auf Reisen am anderen Ende der Welt verbracht habe, erinnert mich diese kleine Unterbrechung daran, wie privilegiert wir in der Schweiz und insbesondere in den Alpes Vaudoises sind: Das dichte öffentliche Verkehrsnetz selbst in abgelegenen Regionen, die hervorragende Beschilderung der Wanderwege, die Mobilfunkabdeckung und die zahlreichen Übernachtungsmöglichkeiten machen diese Art von Abenteuer zugleich zugänglich und sicher. Ein echtes Privileg, das man nicht unterschätzen sollte!
So endet mein zweiter Tag in Les Diablerets – mit einem Herzen voller Dankbarkeit und noch immer beeindruckt von den Landschaften, die ich unterwegs entdecken durfte.

Eine blühende Narzisse © Pauline Carminati
Von der Anpassung zur Freude am Entdecken
Nachdem ich meine Route am Vortag angepasst habe, steht mir nun ein ganzer Tag in Les Diablerets zur Verfügung. Anstatt diese Änderung als Einschränkung zu sehen, beschliesse ich, das Beste daraus zu machen und mit leichtem Gepäck loszuziehen: ganz ohne Rucksack, direkt von meinem Zimmer in der Auberge de la Poste, um die Umgebung zu erkunden.
Ich mache mich auf den Weg zur Cascade du Dar. Schon nach den ersten Metern umfängt mich der Wald mit seiner beruhigenden Atmosphäre. Hier fühlt man sich geborgen, begleitet vom Rauschen des Dar, der durch die Niederschläge der vergangenen Tage stark angeschwollen ist. Die Luft ist frisch und belebend, und mit jedem Schritt möchte ich etwas langsamer werden, um den Moment noch bewusster zu geniessen.
Anschliessend geht es weiter zum legendären Lac Retaud. Auch hier liegt noch reichlich Schnee, und die Landschaft scheint wie in der Zeit stehen geblieben. Das Wasser bietet einen aussergewöhnlichen Anblick: Das tiefe Blau des Sees spiegelt die grünen Tannen wider, die ihn umgeben, und schafft so eine zauberhafte Kulisse. Allein vor diesem Panorama geniesse ich einen echten Moment der Ruhe und Besinnlichkeit.
Überraschend? Eigentlich nicht. Bei solch launischem Wetter sind die Wege nahezu menschenleer. Doch genau das macht diese Auszeit so wertvoll: das Gefühl von Freiheit, die Stille der Berge und die reine Luft, die dazu einlädt, tief durchzuatmen.
Zurück in Les Diablerets mache ich einen Zwischenstopp beim Guichet du Terroir, direkt im Bahnhof. Dort fülle ich meine Vorräte mit einigen Getränken und regionalen Spezialitäten auf. Ein schöner Abschluss für einen Tag, der ganz im Zeichen der Anpassungsfähigkeit … und wunderbarer Entdeckungen stand.

Lac Retaud mit Pauline Carminati © Pauline Carminati
Eine Wetterberuhigung schenkt mir freie Sicht auf die Alpes Vaudoises und ihre Schätze
Ich schultere wieder meinen Trailrunning-Rucksack und brauche zum ersten Mal nicht mit meiner Regenjacke loszuziehen! Der Tag verspricht sogar fast sonnig zu werden! Hoch motiviert starte ich also zu dieser Etappe von Les Diablerets nach Villars.
Schon bald stehe ich vor der imposanten, charakteristischen Felswand im Talkessel von Creux-de-Champs. Die Farben leuchten: das Grün des Frühlingsgrases auf den Weiden, das Grau der Felswände und der weisse Schnee, der sich weiter oben noch an die Felsen klammert … Ein besonderer Moment vor diesem gewaltigen Massiv – und vor allem ist die Sicht endlich frei!
Danach folgt der Aufstieg zum berühmten Col de la Croix, der besonders bei Velofahrern bekannt ist. Auch hier ist kaum jemand unterwegs: Ich habe die Natur fast für mich allein, und das gefällt mir sehr! Ich komme ganz in der Nähe der Gipspyramiden vorbei, echten Naturwundern der Region. Dann folgt der Schlüsselmoment des Tages: der Col d’Encrène, wo der Schnee noch bis zu den Knien reicht. Wenn die Füsse schon im harten Schnee versinken, kann man genauso gut losrennen und darüber lachen! Ich laufe den Hang hinunter bis zum Ufer des Lac des Chavonnes, den ich bereits kenne, da ich vor einigen Jahren am Villars Ultraks teilgenommen habe.
Der Abstieg nach Villars verläuft ganz entspannt durch Wälder und über weiss bedeckte Wege. Das Panorama auf die Dents du Midi und den Mont Blanc hat mich endgültig davon überzeugt, dass dieses Abenteuer wirklich jede Anstrengung wert ist – selbst bei wolkenverhangenem Wetter.
Dieser weitere erlebnisreiche Tag wird mit einer Nacht im Hôtel VIU belohnt, einer Oase der Ruhe mitten in den Bergen. Nicht ganz ohne schlechtes Gewissen gönne ich mir einen Moment der Entspannung im Spa und geniesse einen guten Kaffee auf dem Balkon meines Zimmers. Am nächsten Morgen bin ich voller Energie und Tatendrang und bereit für die letzte Etappe dieser Tour.
Die Wetterberuhigung war nur von kurzer Dauer – doch die Weiler sind den Umweg allemal wert
Das Wetter zeigt sich wieder von seiner launischen Seite. Doch das spielt keine Rolle: Die Motivation ist nach wie vor da. Ich starte mit einem ganz bestimmten Ziel: Endlich möchte ich den Weiler Taveyanne entdecken, von dem ich schon so viel gehört habe, den ich aber bisher noch nie besuchen konnte.
Und tatsächlich: Dieser Ort strahlt eine einzigartige Atmosphäre aus. Zwischen den traditionellen Alphütten und der unberührten Umgebung versteht man schnell, warum Taveyanne so beliebt ist.

Der Weiler Taveyanne © Pauline Carminati
Der Weg führt anschliessend weiter nach Solalex, diesem kleinen Paradies, das vor der imposanten Felswand des Miroir d’Argentine beinahe winzig erscheint. Ich hatte bereits zweimal die Gelegenheit, die Rundwanderung zu machen, und von dieser Route kann ich einfach nicht genug bekommen, so beeindruckend ist die Landschaft (SchweizMobil Nr. 121). Eine wunderschöne Tagestour, die ich allen wärmstens empfehle, die die Umgebung entdecken möchten!
Die letzten Kilometer führen mich schliesslich nach Gryon, dem Endpunkt dieser als Trailrunning-Abenteuer neu interpretierten Tour durch die Alpes Vaudoises. Angesichts der Wetterbedingungen entscheide ich mich, mein Abenteuer hier zu beenden – auch wenn es durchaus möglich wäre, die Tour bis nach Aigle fortzusetzen.
Ich kehre mit wertvollen Erkenntnissen über mich selbst, unglaublichen Entdeckungen im Herzen der Region und vor allem mit grosser Dankbarkeit nach Hause zurück: dafür, dass ich die körperliche und mentale Stärke habe, solche Abenteuer erleben zu dürfen. Eines ist sicher: Ich freue mich schon jetzt darauf, die Wege der Alpes Vaudoises weiter zu erkunden – sei es beim Trailrunning, auf dem Gravelbike oder beim Wandern.